K.I.Z. Frauenkonzert: Testosteron für alle

Bild: Philipp Gladsome

Rapper in Brautkleidern, Frauen im Testosteronrausch: K.I.Z. machen’s möglich.

Frauentag 2019, Max-Schmeling-Halle, 21.00 Uhr. Der Hochzeitsmarsch erklingt, der Vorhang fällt. Die Bühne ist in pinkes Licht getaucht, darauf eine weiße Kutsche mit Pferden, davor die Männer des Abends in prächtigen Brautkleidern. Schleier, Schleppe, Perücke, Handschuhe, rote Lippen – alles was man sich für den großen (Internationalen Frauen-)Tag von K.I.Z. wünscht. „Selten hat sich ein Outfit so richtig angefühlt“ schwärmt Tarek, während Nico den dramatischen Hairflip perfektioniert.

Es ist ja so: Als aufgeklärte und reflektierte Frau (manche nennen es Feministin) fragt man sich ab einem gewissen Alter, warum die ach so kreativen Rap-Idole seit Jahrzehnten in Sachen Beleidigungen nicht über die Abwertung der Frau hinauskommen. K.I.Z. haben sich nie damit zufrieden gegeben. Sie verpacken die heftigsten Themen in die klügsten, aber auch krassesten Texte, solche, bei denen dir das Lachen im Hals stecken bleibt und dann immer wieder zustößt. Satire, aber aus den eigenen Reihen und wesentlich charismatischer als Jan Böhmermann.

K.I.Z. spendieren an diesem Abend einen Querschnitt durch ihre Karriere, von „Böhses Mädchen“ über „Ariane“ bis „Neuruppin“ (inklusive der Hexehn von Nord Nord Muzikk) sind alle Klassiker dabei. Zwischendurch gibt es Destinys Child „I’m A Survivor“ mit neuem Text ( an den ich mich jetzt leider nicht mehr erinnere, Stichpunkt Urlaub vom Gehirn). Und zur Zugabe kommen nochmals die Supportschwestern Nura und Laing auf die Bühne und performen mit K.I.Z. „Lady Marmelade“, inklusive Goldregen und Choreografie.

Und obwohl da oben drei „Pornorapper“ in Hochzeitskleidern stehen, fühlt es sich kein einziges Mal so an, als würden K.I.Z. die Weiblichkeit damit ins Lächerliche ziehen. Die Jungs machen auf der Bühne alles durch, was eine normale Frau täglich erlebt. Das Problem  mit dem Altern kommentiert Maxim mit den Worten: „Ich habe nicht mehr denselben Körper als ich dieses Kleid gekauft habe.“ Sie beschweren sich darüber, dass wasserfestes Make-up nie wirklich Tränen standhält. Dass es schon anstrengend ist, „nur eine Wasserflasche aufzuheben in diesem Kleid“. Und loben sich für ihre Schminke: „Findet ihr Nicos Lippen heute Abend nicht auch sehr gelungen? Aufreizend, aber nicht vulgär!“ Ich weiß nicht, wie vielen Männern dieses Styling-Problem bewusst ist.

Ladylike geht es aber nur auf der Bühne zu. Die 9000 Frauen davor kennen alle Texte auswendig und brüllen im Herzkonfetti- und rosa Luftballon-Regen die härtesten Textzeilen mit: „Ich bin der, der im Berghain die Pissrinne austrinkt!“ Als das erste Mal ein Moshpit eröffnet werden soll, bilden sich gleich drei Pogo-Kreise und Nico klingt ernsthaft besorgt als er sagt: „Ähm, okay Schwestern, passt aufeinander auf!“

Was Frauen daran fasziniert, im Chor „Heute Abend wird ehrenlos“ und „Gangbang ist ihr Lieblingssport“ zu schreien? Dasselbe wie Männer. Überraschung, Frauen sind genauso politisch unkorrekt, rebellisch, verkommen, aggressiv und sarkastisch wie männliche Rapfans. Und sexistisch: Als der obligatorische „Ausziehen“-Ruf aus dem Publikum erklingt, wehrt sich Maxim: „Ey, wir haben uns so schön gemacht, es ist respektlos jetzt ‚Ausziehen!‘ zu schreien. Finde ich nicht gut, dass ihr hier solche Mechanismen reproduziert.“

Ob den Frauen, die im Schnitt mindestens 10 Jahre jünger sind als ich, bewusst ist, was sie da gerade erleben? Für mich ist es noch immer ein kleines Wunder: Dass da ausgewachsene Rapper, deren Kollegen dir sonst nur ins Ohr rappen, wie uncool es ist, eine Frau zu sein, die Weiblichkeit so offensiv und weitestgehend unironisch feiern und dafür auf alle vermeintlichen Regeln der Coolness oder Credibilty scheißen.

K.I.Z. geben dieses Konzert seit 2011, damals war der Frauentag nicht halb so präsent wie heutzutage. Ich will nicht ausschließen, dass den Jungs das Statement, das sie damit setzen, bewusster ist als ihren jungen Verehrerinnen. Aber wenn den Fans das mittlerweile normal vorkommt – noch besser.

Text: Antonie Hänel

Bilder: Philipp Gladsome / Instagram

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